Das heilige Polen

August 16, 2010

heute schon den kreuz verteidigt?

Einsortiert unter: puls,smolensk — Kasia Zielińska @ 9:04 pm

Falls sich jemand schnell und amüsant über den aktuellsten Hype Polens erkundigen möchte – obwohl ich weiß nicht, wer das sein könnte – sollte mal im Facebook den Kreuz verteidigen:

Obrońca krzyża (Kreuzverteidiger)

Kurz: indem man auf unechte Polen und einen antikatholischen Spanier einklickt, stellt man neue Kreuze vor dem Präsidentenpalast in Warschau hin. Ich kann boasten: ich hab 25 neue Kreuze hingestellt.

Warum aber?

Der (ein) Kreuz wurde nämlich nach der Smolensk-Katastrophe, wo 96 Leute und der darunter bald heilige Präsident Lech Kaczynski ums Leben gekommen waren, von den Pfadfinder vor dem Präsidentenpalast hingestellt, um dem nationalen Trauer den Ausdruck zu geben. Vorübergehend soll das gewesen sein, der Kreuz ist aber bis heute noch geblieben und die Gesellschaft zersplittert. Unter dem Kreuz läuft andauernd Party: die alten hartkatholischen Frauen (mohery) und Männer tanzen rund um den Kreuz und lassen es nicht zu, dass der Kreuz endlich in irgendeine Kirche versetzt wird. Nachdem ihr Kandidat, der Zwillingsbruder in der Präsidentenwahl verloren hat, wurde die Verteidigung dieses Kreuzes für sie zur Sache der Ehre. Junge Polen kommen jeden Tag und Nacht, lachen sie aus, schlagen vor, dass man dort auch eine Gay-Fahne hinstellt und fordern, dass man den Kreuz – ein religiöses Symbol – von der öffentlichen Stelle entfernt. Das passiert aber nicht und der Spass geht weiter. Den Frust kann man zB. im oben genannten Spiel ablassen.

die Geschichte in besserem Deutsch und seriöser verfasst

April 23, 2010

unsexy wissenschaftler

Einsortiert unter: konsum — Kasia Zielińska @ 1:50 pm

Gestern war ich in einem Vortrag von meiner ehemaligen Dozentin – toller Elena Giannoulis, die etwa in meinem Alter gerade eine Frau Doktor ist und sich ans Schreiben ihrer Habilitationsarbeit macht. Das Thema war typisch für sie -  junge japanische Schriftstellerinnen und ihre aus Sex, Alkohol, body modification, SM usw. bestehende Welt. Ich kam paar Minuten zu spät, und schon war der kleine Saal voll – von Leuten undefinierbaren mittleren Alters. In farbenlosen und formlosen Pullovers, ähnlichen Jeans und eckligen, zu oft getragenen Sportschuhen. Dazu kein Zeichen davon, dass sie in den letzten 10 Jahren auch ein einziges Mal Sport getrieben haben.

Vielleicht war das gut. So bauten sie den Gegensatz zur übersexuallisierten Atmosphäre, die entstand, als Frau G. einen Abschnitt aus dem Buch von Kanehara Hitomi las. Ich dachte mir dann aber: die Leute verstehen doch kein Wort davon. Sie haben bestimmt kein einziges Mal in ihrem Leben Sex gehabt.

In Polen ist es auch bißchen so: Wissenschaftler sind aus irgendeinem Grund überzeugt, dass sie zu ernste Dinge machen, um sich um ihr Äußeres zu kümmern. Aber hier ist es viel mehr so. Hier muss man schon sich zu einem grauen Kugel formen, immer mit einem Rücksack mit einer im Netz eingesteckten Wasserflasche. Bläh. Wo ist denn “arm, aber sexy”?! Meine Augen von Frau Magister und angehender Bachelorette wollen auch ihr Vergnügen haben…

April 10, 2010

tod in russland

Einsortiert unter: Uncategorized — Kasia Zielińska @ 8:38 am

Der Putin hat den Kaczynski nicht nach Katyn eingeladen. Und jetzt hat Kaczynski samt seiner Frau, Teil der polnischen Regierung, Armee und Kirche seinen Tod in Russland gefunden. Obwohl die Russen natürlich daran nicht schuldig sind, dass der polnische Flugzeug abgestürzt ist, muss man authomatisch daran denken, dass sich die Geschichte doch wiederholt. Vor siebzig Jahren hat man in dieser Gegend auch die wichtigsten Leute Polens umgebracht. Wenn ich die Namen der jetzt Verstorbenen sehe, kann ich es einfach nicht glauben. Dafür gibt es einfach keine Worte.

April 9, 2010

paar chaotische gedanken aus warschau über polen, deutschland, russland, japan und korea

Einsortiert unter: unterschiede,wichtigtuerei — Kasia Zielińska @ 12:14 pm

Seit einiger Zeit laden mich Leute im Facebook zu einer Aktion ein, die heißt: I bet Poland can get 1 million fans before any European country oder so ähnlich. Warum zum Teufel sollte ich da beitreten?! Das macht ja überhaupt keinen Sinn. Es gibt etwa 40 Millionen Polen und angenommen, alle oder auch die Hälfte liebt ihr Elternland so wie ich, da hat man ganz natürlich viel mehr als 1 Million “Fans”. Und man weiß doch, dass dieser Gruppe nur die Polen beitreten, weil niemand anders uns mag oder sich für uns interessiert. Na ok, ich hab einen Japaner kennengelernt, der sich für Osteuropa interessiert und Polnisch lernt, na aber das ändert nicht viel. In Japan hab ich die Leute echt in Verwirrung gebracht, wenn sogar nicht in Verlegenheit. Die kannten mich als Studentin aus Berlin, und ich meinte stur, ich komme aus Polen. Klar wußten sie nicht, wo das ist, deswegen hab ich gelernt, “Polen bei Deutschland” zu sagen. Aber das fand ich nicht schlimm. Ich hab zB. keine Ahnung, wo irgendeine Darmstadt liegt. Und da wohnt ein richtig guter Freund, den ich in Tokyo kennengelernt habe. Und er ist kein Deutscher. Mit den Deutschen kann ich mich echt nicht wirklich anfreunden. Irgendeine Verbindung fehlt. Meine Freunde in Deutschland sind Polen, Spanier und Lateinamerikaner. Es tut mir leid.

Mit den Japanern kann ich mich aber auch nicht anfreunden. Denen passen wahrscheinlich die Deutschen besser. Ihr habt schon was Gemeinsames in der Geschichte. Auf ähnlicher Ebene sollten sich die Polen und die Koreaner gut verstehen. Der Hauptfluss Koreas – Han – hat denselben Namen wie die koreanische Theorie des Leidens, dem diese ehrenswerte Nation bestimmt ist. Brutale japanische Angriffe, japanische Kolonialzeit, die man mit Holocaust vergleichen kann, Bürgerkrieg – und auch jetzt die koreanische Zuversicht, dass das Leben nur aus Leiden besteht und Glücklichsein nicht ok ist – dass klingt für die Polen so vertraulich an. Und auch das Gefühl der weltweiter Wichtigkeit, das sich immer nur bis Grenzen Koreas bzw. Polens ausweitet. Eine Polin, die in Seoul lebt, erzählte mir, dass die koreanischen Kinder in der Schule lernen, dass es so was wie vier Jahreszeiten nur in Korea gibt. Ich würde sagen, die Koreaner und die Polen sind unentdeckte Geschwister, aber die ersten sind zu sehr auf sich selbst konzentiert – noch mehr als die Polen – und für internationale Freundschaften bleibt da kein Platz mehr. Außerdem, nach einem Besuch in Korea, paar koreanischen Bekannten und mehreren themabezogenen Lektüren bleiben die Koreaner für mich so was wie Mondleute, zu denen ich überhaupt kein Zugriff habe. Dabei wissen sie noch weniger als die Japaner, wo Polen liegt.

Bei den letzten Angriffen in Moskau hab ich mir gedacht: na ja, Polen ist wenigstens solch ein unwichtiges Land, dass es so was bei uns nicht passiert.

Und der neue Freund ist ein gebürtiger Russe. Jetzt konnte ich mir wieder überlegen, wer zu den Russen besser paßt: die Deutschen oder die Polen. Die Deutschen passen vielleicht besser auf der politisch-militarischen Ebene. Wir Polen haben aber mit den Russen ähnliche Seelen. Wie das in Details aussieht, kann ich nicht erklären, aber es gibt wirklich so was, eine slavische Seele sozusagen. Und es nervt mich, dass A. in Darmstadt lebt. Gute Freunde findet man nicht doch jeden Tag. Zumal man-frau eine Polin in Deutschland ist. Deswegen hab ich vor, der blöden Darmstadt ein Osaka Bang anzutun, dann zieht A. vielleicht nach Berlin um.

Oder ich werde wieder in Polen leben. Da mein künftiges Leben in Deutschland eher perspektivenlos aussieht, ist das eine Alternative.

Februar 11, 2010

tłusty czwartek

Einsortiert unter: in tokyo,kulinaristik,wichtigtuerei — Kasia Zielińska @ 6:51 am

Heute ist der Fette Donnerstag in Polen. Da stopft man sich den ganzen Tag mit Krapfen (pączki) und anderer Kuchen voll. Warum bin in nicht in Polen?! Hier in Japan ist auch ein Feiertag, so bleibe ich mit Julia Franck zu Hause und werde mich nur von übriggebliebenen Kartoffeln ernähren. Ist ja auch lecker und typisch Polnisch, aber…

Hier ein Beispiel, wie die polnische Kultur die fremde westliche ablehnt. Vor etwa zehn Jahren, als meine Oma noch lebte, kam sie ganz stolz nach Hause mit mehreren Tüten von Krapfen und anderen Süßigkeiten in ihren Armen. Das Ergattern von Süßigkeiten am Fetten Donnerstag bedeutet schon langes Warten in den Schlangen und kämpfen gegen den Menschenmengen, sie aber habe ganz ohne Schlangen die Krapfen und co. in MC DONALDS gekauft. Jede neue Person, die zu ihr an diesem Tag zu Besuch kam – ich, mein Bruder, meine Eltern – musste von neu an dieser atemberaubenden Geschichte zuhören, wie die Oma am Ende einer überlangen Schlange stand und da kam ihr eine unbekannte Frau entgegen (jetzt glaube ich, eine Agentin des Westens) und sagte: Liebe Frau, die in McDonalds verkaufen auch Krapfen und da gibts keine Schlange! So rannte die Oma zum McDonalds und: tatsächlich, da gab es Krapfen und es gab keine Schlange. Am Abend kannten wir alle schon die Geschichte auswendig und waren voll von Kuchen, obwohl nicht ohne komisches Gefühl: wie, gute polnische Krapfen und McDonalds? Und später erwies sich, dass dieses Gefühl nicht ohne Gründe war, weil wir alle paar Stunden später eine schlimme Lebensmittelvergiftung bekamen.

So kämpft die polnische Natur gegen die Einflüsse von außen!

Januar 29, 2010

tokyoter goethe institut

Einsortiert unter: in tokyo,sprache — Kasia Zielińska @ 2:30 pm

Heute hab ich – nach der Yogaschule YognaJaya – einen neuen Punkt auf meiner ganz persönlichen Karte Tokyos gefunden. Ich war hier nämlich im Goethe Institut. Fühlte sich gut an.

Was mich dazu getrieben hat: ich und meine Freundin möchten deutsche Buchautorin Julia Franck interviewen, für die Reportagen- und Interviewzeitschrift Duży Format. Die erscheint donnerstags zusätzlich zu Gazeta Wyborcza, also die größte meinungsbildende Tageszeitung in Polen.

Aber ich hab nur ein Buch von Julia Franck gelesen, und wollte die anderen nachholen, also nach dem kurzen Brainstorming “Wo finde ich deutsche Bücher in Tokyo” hab ich mich auf den Weg nach Goethe Institut gemacht. Ich hab mich erinnert, wie ich vor 11 Jahren angefangen habe, die Bibliothek des Warschauer Goethe Instituts zu besuchen. Am Anfang hab ich nur einfache Kinderbücher auf Deutsch ausgeliehen, danach Romane, Filme, schließlich Bücher über Theater und Kunst. Goethe Institut war mein Lieblingsort, und immer hatte ich in meinem Zimmer ein Stapel von ausgeliehenen Bücher.

Jetzt hab ich mich in diesem Goethe Institut hier auch sehr wohl gefühlt. Es ist viel kleiner als die Warschauer Filiale, aber sehr gemütlich und in schöner Aoyama gelegen, wo auch bißchen mehr Bäume zu sehen sind – eine Seltenheit in Tokyo. Ich hab mir auch einen Tisch mit dem Blick aufs Grüne ausgesucht, Stundenlang gelesen und sogar – ich glaube, die Japaner haben mich damit angesteckt – kurz geschlafen.

Als ich rausging, hat die japanische Straße mit japanischen Leuten ein leicht schizophrenes Gefühl in mir geweckt. Ich muss mir schon manchmal Mühe geben, um dieses kulturelle Puzzle meines Lebens zusammenzuhalten.

Übrigens hat mir meine Mutter vor paar Tagen einige Ausgaben von Duży Format geschickt. Ich kann das Päckchen kaum erwarten. Obwohl, ich sollte mehr auf Polnisch reden, nicht nur lesen und schreiben. Wenn ich mit meiner Mutter skype, fällt mir schon die polnische Aussprache schwer.

Januar 23, 2010

fotozwang

Einsortiert unter: in tokyo,sprache — Kasia Zielińska @ 6:41 am

Meine Familie und Freunde quälen mit wegen Fotos, die ich hier haufenwenweise machen und ihnen schicken sollte. Ich bin aber kein Fototyp. Dazu ist die Luft Tokyos überladen von Blitzlampen von Milliarden Fotos, die schon andere Leute gemacht haben. Meine wären hier wirklich schon zu viel.

Ich fühle ganz genau, dass für mich die Fotos keine Perzeptionsmöglichkeit sind. Es sind dagegen nach wie vor die Worte. Ich erzähle meinen Freunden, ich fühle hier in Japan gar nichts, existiere einfach ganz yogisch und zenartig ruhig ohne mich irgendwie aufzuregen (was ich doch machen sollte, weil ich in JAPAN bin). Ich finde mich total gut zurecht und erlebe keine Reibungen mit der Tokyoter Wirklichkeit. Dachte ich. Bis ich mich gestern zurückgezogen habe und bemerkte, wie tatsächlich mein Inneres durch diese Wirklichkeit reorganisiert wird und wieviel ich schon in den letzten Tagen in meinem Blog über Japan und in den Mails geschrieben habe, und auch gelesen (Bücher auzuleihen war eine der ersten Sachen, die ich hier gemacht habe), und ich rede auch unmöglich viel in allen Sprachen, deren ich mächtig bin. Je mehr Stunden ich jetzt alleine verbinge, desto mehr Wörter entdecke ich meinem Kopf und draußen.

Kann ich das aber leider heute nicht mehr lange erleben, weil ich trinken gehen muss. Das ist etwas, was ich an allen meinen Kulturen, polnischer, deutscher und japanischer, hasse – dass ich zum Saufen gezwungen werde.

Januar 19, 2010

in tokyo

Einsortiert unter: in tokyo,sprache — Kasia Zielińska @ 11:21 am

Bin jetzt seit einer Woche in Tokyo, mein Hintergrund hat sich also weiterhin kompliziert. In informellen Gesprächen stelle ich mich oft als ポーランドのドイツ人, also so was wie eine polnische Deutsche oder deutsche Polin (ich weiß nicht so genau, welche von der beiden ist richtiger).

Jetzt hat sich also das Objekt meiner Hassliebe, die immer wieder gefüttert werden muss, gewechselt: es sind nicht mehr die Deutschen, sondern Japaner (aber ruhig meine deutschen Freunde, dass bleibt nur bis 1.04). Japaner, die ekelhafterweise die Nase hochziehen, weil ihnen Nase auszuputzen eklig scheint und paranoid werden in puncto Mülltrennung, wenn sie gleichzeitig mein Briefkasten mit Bergen von Flyers verstopfen.

Aber, da es hier viele Deutsche gibt, fühle ich mich wie zu Hause. Fühlt sich komisch an, wenn ich logisch daran zu denken versuche. Ich kann aber nichts dafüur, dass ich mich erleichtert fühle, wenn ich vom Englischen endlich ins Deutsche wechseln kann. Als “erleichtert” meine ich nicht, dass eine der Sprachen besser ist, so ist eher nicht der Fall. Ich fühle mich aber dann… wie wieder bei mir selbst.

Dezember 29, 2009

muttersprache vs. vatersprache

Einsortiert unter: sprache,transport — Kasia Zielińska @ 11:56 pm

Oft wenn ich gerade im Berlin-Warszawa-Express sitze, sitzt dort auch eine polnische Mama mit einem polnisch-deutschen Kind (dem deutschen Papa ist Polen scheinbar egal, weil er kaum zu erblicken ist). Zum Beispiel gestern. Da gab es eine polnische Mama mit einer kleinen deutschisierten Tochter. Die unerschütterliche Polin sprach ausschließlich Polnisch, die Halbpolin antwortete ihr ausschließlich auf Deutsch. Und es ist immer so, wenn ein Kind halbdeutsch und halbpolnisch ist. Hab ich schon paar Mal beobachtet.

Dies könnte irgendjemand natürlich als schön und exotisch betrachten. Aber in mir ensteht in solchen Fällen: Panik, Erschütterung, Entzückung, Verzweiflung… was weiß ich.

Für diese Mutter von gestern war das auch voll schmerzhaft. Kaum von einer netten älteren Dame angesprochen, fing sie an, fast in Tränen, zu erzählen, wie sie von Anfang an zu der Tochter nur auf Polnisch sprach, und wie diese – als ob sie wüßte, welche Sprache die “stärkere” ist (gendermäßig, nationalitätmäßig) – ihr von Anfang an nur auf Deutsch antwortete. Für die Mutter war es so, als ob sie “jedesmal von einem Messer gestochen würde”. Obwohl ich so was (noch nicht?) erlebt habe, kann ich mir das ganz gut vorstellen. Obwohl Deutsch größtenteils zu meiner eigener Sprache geworden ist, ist es immer noch und glaube wird auch nie zu dieser einzigen eigenen Sprache – und ich kann mir nicht vorstellen, dass etwas, was aus meinem eigenen Leib kommt, nicht meine Sprache spricht.

Jedoch nach einer Weile wurde für mich auch diese Mutter lächerlich. Wie sie fast weinte und sich ohne jegliche Würde beschwerte. Wenn mir Polnisch als so was schmerzhaftes und mit Tränen überfülltes vermittelt wäre dann würde ich mich auch davor wehren. Und ich glaube für dieses Mädchen wird in der Zukunft nicht nur Polnisch, sondern auch ganz Polen zum weinenden Bettler, der um nur bißchen Aufmerksamkeit bittet.

Ich hab mir gedacht, wenn ich diese Mutter wäre, würde ich einfach so lange nicht antworten, bis das Kind zu mir auf Polnisch spricht. Da ich nicht sonderlich Kinder mag, kann ich mir solches gnadenloses Handeln ganz gut vorstellen.

Aber diese Situation hat in mir ganz trübe Gedanken erweckt. Nämlich:

- will ich mein ganzes Leben lang in Frust leben, weil meine Polnischheit immer ums Ansehen kämpfen muss?

- da ich sowieso die ganze Zeit gegen irgendwas (gegen Polen, Deutschen und die ganze Welt) kämpfen muss, hab ich noch Lust, gegen eigene Kinder, falls sie irgendwann ihre Existenz durchsetzen, kämpfen?

- will ich oben genannten Kindern das Bild Polens als was unangenehmes, erzwungenes, leidendes vermitteln? (ich hab leider keine positiven Erziehungsweisen in Berlin-Warszawa-Express oder anderswo beobachtet)?

- ginge mir in Polen besser? (nein, weil in einer Straßenbahn getötet würde)

Jetzt mal was anderes aus Deutschland. Hab mich endlich mobilisiert, um online eine Auslandsversicherung für Japanaufenthalt abzuschliessen. Hab alles richtig ausgefüllt (ein deutscher Anbieter), Auslandsort: Japan, Nationalität: Polen. Klick und nur bezahlen… aber nein, da werden alle meinen Daten gelöscht und es steht nur rot: Kombination dieses Auslandsortes und der Nationalität nicht akzeptabel! Fühlte ich mich auch so.

Dezember 20, 2009

kleidung sagt alles

Einsortiert unter: bon ton,wichtigtuerei — Kasia Zielińska @ 4:11 pm

Mein Freund hat mich gefragt, ob ich ins Solarium gehe. Die Frage hat bei mir schon wieder ein Wortflut ausgelöst. Klar gehe ich nicht, weil ich keine solara bin. In Polen ist sogar Ins-Solarium-Gehen mit konkreten Bedeutungen geprägt, du gehst einfach nicht ins Solarium, wenn dir bei gängigen -20 Grad an Sonne fehlt – du brennst dich auf einmal durch, machst dir künstliche Nägel, ziehst ultra mini Rock und weiße Stiefel an und gehörst damit zur sozialen Kategorie, die als peinlich gesehen wird. Weiße Stiefel sind übrigens eine Kategorie an sich – schon wieder, noch nie in Berlin gesehen, vielleicht müsste ich mal zum anderen Kiez – der ein der meist populären polnischen Blogs gewidmet ist (dia männliche Version von weißen Stiefel sind weiße Sportschuhe – die hab ich hier leider allzu oft gesehen).

So gehe ich nicht ins Solarium. Muss doch meine Klassenzugehörigkeit behalten. Außerdem mag ich Winter – bin doch Polin, und da laufen doch die Polarbäre durch die Straßen.

Übrigens – jemand hat mich gestern gefragt, ob es stimmt, dass in Polen alle alten Frauen in Röcken rumlaufen. Was kann ich dazu sagen. Für mich gibts nichts schlimmeres als alte Frauen, die diese baumwoll-legginsartige Hose, durch die sich dies und jenes abzeichnet, anhaben. Ja, alle alten Frauen in Polen laufen in Röcken rum. Und die bißchen jüngeren auch. Und die viel jüngeren auch. Und ich. Und die Freundinnen von mir. Höhere Absätze und bißchen mehr Eleganz sind auch willkommen. Es bildet doch die Schönheit des Alltags.

Was ich hier nicht leiden kann, ist, dass es hier wirklich an dieser alltäglichen Schönheit fehlt. Die Studenten in ihren erdefarbigen Sportsachen und Rücksäcken mit Flasche Wasser, die Frauen, bei denen ich mir Gedanken mache, wie sie bei ihren ich-bin-vegetarisch-und-mache-yoga-deswegen-ziehe-ich-mich-egal-was-an-Aussehen überhaupt zum Sex gekommen waren (das Kind sitzt daneben), die Männer… eh, überall dreckige Schuhe, die noch nie Schuhcreme gesehen haben…

Die andere Seite ist wohl, dass hier niemand nach dem Aussehen geschätzt wird.

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