Das heilige Polen

Dezember 29, 2009

muttersprache vs. vatersprache

Einsortiert unter: sprache,transport — Kasia Zielińska @ 11:56 nachmittags

Oft wenn ich gerade im Berlin-Warszawa-Express sitze, sitzt dort auch eine polnische Mama mit einem polnisch-deutschen Kind (dem deutschen Papa ist Polen scheinbar egal, weil er kaum zu erblicken ist). Zum Beispiel gestern. Da gab es eine polnische Mama mit einer kleinen deutschisierten Tochter. Die unerschütterliche Polin sprach ausschließlich Polnisch, die Halbpolin antwortete ihr ausschließlich auf Deutsch. Und es ist immer so, wenn ein Kind halbdeutsch und halbpolnisch ist. Hab ich schon paar Mal beobachtet.

Dies könnte irgendjemand natürlich als schön und exotisch betrachten. Aber in mir ensteht in solchen Fällen: Panik, Erschütterung, Entzückung, Verzweiflung… was weiß ich.

Für diese Mutter von gestern war das auch voll schmerzhaft. Kaum von einer netten älteren Dame angesprochen, fing sie an, fast in Tränen, zu erzählen, wie sie von Anfang an zu der Tochter nur auf Polnisch sprach, und wie diese – als ob sie wüßte, welche Sprache die “stärkere” ist (gendermäßig, nationalitätmäßig) – ihr von Anfang an nur auf Deutsch antwortete. Für die Mutter war es so, als ob sie “jedesmal von einem Messer gestochen würde”. Obwohl ich so was (noch nicht?) erlebt habe, kann ich mir das ganz gut vorstellen. Obwohl Deutsch größtenteils zu meiner eigener Sprache geworden ist, ist es immer noch und glaube wird auch nie zu dieser einzigen eigenen Sprache – und ich kann mir nicht vorstellen, dass etwas, was aus meinem eigenen Leib kommt, nicht meine Sprache spricht.

Jedoch nach einer Weile wurde für mich auch diese Mutter lächerlich. Wie sie fast weinte und sich ohne jegliche Würde beschwerte. Wenn mir Polnisch als so was schmerzhaftes und mit Tränen überfülltes vermittelt wäre dann würde ich mich auch davor wehren. Und ich glaube für dieses Mädchen wird in der Zukunft nicht nur Polnisch, sondern auch ganz Polen zum weinenden Bettler, der um nur bißchen Aufmerksamkeit bittet.

Ich hab mir gedacht, wenn ich diese Mutter wäre, würde ich einfach so lange nicht antworten, bis das Kind zu mir auf Polnisch spricht. Da ich nicht sonderlich Kinder mag, kann ich mir solches gnadenloses Handeln ganz gut vorstellen.

Aber diese Situation hat in mir ganz trübe Gedanken erweckt. Nämlich:

- will ich mein ganzes Leben lang in Frust leben, weil meine Polnischheit immer ums Ansehen kämpfen muss?

- da ich sowieso die ganze Zeit gegen irgendwas (gegen Polen, Deutschen und die ganze Welt) kämpfen muss, hab ich noch Lust, gegen eigene Kinder, falls sie irgendwann ihre Existenz durchsetzen, kämpfen?

- will ich oben genannten Kindern das Bild Polens als was unangenehmes, erzwungenes, leidendes vermitteln? (ich hab leider keine positiven Erziehungsweisen in Berlin-Warszawa-Express oder anderswo beobachtet)?

- ginge mir in Polen besser? (nein, weil in einer Straßenbahn getötet würde)

Jetzt mal was anderes aus Deutschland. Hab mich endlich mobilisiert, um online eine Auslandsversicherung für Japanaufenthalt abzuschliessen. Hab alles richtig ausgefüllt (ein deutscher Anbieter), Auslandsort: Japan, Nationalität: Polen. Klick und nur bezahlen… aber nein, da werden alle meinen Daten gelöscht und es steht nur rot: Kombination dieses Auslandsortes und der Nationalität nicht akzeptabel! Fühlte ich mich auch so.

Dezember 20, 2009

kleidung sagt alles

Einsortiert unter: bon ton,wichtigtuerei — Kasia Zielińska @ 4:11 nachmittags

Mein Freund hat mich gefragt, ob ich ins Solarium gehe. Die Frage hat bei mir schon wieder ein Wortflut ausgelöst. Klar gehe ich nicht, weil ich keine solara bin. In Polen ist sogar Ins-Solarium-Gehen mit konkreten Bedeutungen geprägt, du gehst einfach nicht ins Solarium, wenn dir bei gängigen -20 Grad an Sonne fehlt – du brennst dich auf einmal durch, machst dir künstliche Nägel, ziehst ultra mini Rock und weiße Stiefel an und gehörst damit zur sozialen Kategorie, die als peinlich gesehen wird. Weiße Stiefel sind übrigens eine Kategorie an sich – schon wieder, noch nie in Berlin gesehen, vielleicht müsste ich mal zum anderen Kiez – der ein der meist populären polnischen Blogs gewidmet ist (dia männliche Version von weißen Stiefel sind weiße Sportschuhe – die hab ich hier leider allzu oft gesehen).

So gehe ich nicht ins Solarium. Muss doch meine Klassenzugehörigkeit behalten. Außerdem mag ich Winter – bin doch Polin, und da laufen doch die Polarbäre durch die Straßen.

Übrigens – jemand hat mich gestern gefragt, ob es stimmt, dass in Polen alle alten Frauen in Röcken rumlaufen. Was kann ich dazu sagen. Für mich gibts nichts schlimmeres als alte Frauen, die diese baumwoll-legginsartige Hose, durch die sich dies und jenes abzeichnet, anhaben. Ja, alle alten Frauen in Polen laufen in Röcken rum. Und die bißchen jüngeren auch. Und die viel jüngeren auch. Und ich. Und die Freundinnen von mir. Höhere Absätze und bißchen mehr Eleganz sind auch willkommen. Es bildet doch die Schönheit des Alltags.

Was ich hier nicht leiden kann, ist, dass es hier wirklich an dieser alltäglichen Schönheit fehlt. Die Studenten in ihren erdefarbigen Sportsachen und Rücksäcken mit Flasche Wasser, die Frauen, bei denen ich mir Gedanken mache, wie sie bei ihren ich-bin-vegetarisch-und-mache-yoga-deswegen-ziehe-ich-mich-egal-was-an-Aussehen überhaupt zum Sex gekommen waren (das Kind sitzt daneben), die Männer… eh, überall dreckige Schuhe, die noch nie Schuhcreme gesehen haben…

Die andere Seite ist wohl, dass hier niemand nach dem Aussehen geschätzt wird.

Dezember 16, 2009

einkaufstüten der Mutter Polin

Einsortiert unter: essenz,konsum — Kasia Zielińska @ 11:23 nachmittags

Spannend, wie man so viele Sachen aus eigenem Land gar nicht wahrnimmt. Erst muß dich das jemand aus einem anderen Land darauf aufmerksam machen. Ein französicher Freund meiner polnischer Freundin hat bei seinem ersten Besuch in Polen ganz amüsiert ein Erscheinen beobachtet, das er sonst nirgendwo gesehen hatte: Frauen mit mehreren, schweren Einkaufstüten (siatki – siehe den Eintrag unten), wie zugewachsen mit ihren Armen. Jetzt wo er das so merkwürdig fand, wurde auch mir klar, das ich Frauen mit siatki sonst nirgendwo außer Polen gesehen habe. Das hat mich zu Gedanken geführt – als ob ich keine interessanteren Themen hätte…. – warum ist es zum Beispiel in Deutschland nicht so? Was habt ihr mit euren Frauen mit siatki gemacht???

Wie macht man denn hier Einkäufe? Ist es solch ein peinliches Ding, dass man das irgendwie versteckt? Gibt es bei euch keine Mütter Deutsche - wie wir unsere Mütter Polinen (Matka Polka) haben – ein ermüdetes, asexuelles Ding, was sich mit viel Sorge hauptsächlich um ihre Familie kümmert? Sogar gibt es ein wichtiges Krankenhaus, das mit Mutter Polins Name gesegnet wurde. Die unsterblichen siatki beweisen, wie stark – obwohl natürlich von jüngeren Frauen abgelehnt – dieser Lebensstil im polnischen Bewußtsein eingeprägt ist.

Dezember 15, 2009

…erlöse uns vom Rentner

Einsortiert unter: bon ton,transport — Kasia Zielińska @ 11:55 nachmittags

Vorsicht. Falls ihr in Polen (wenn ihr auf dem Weg nach Russland doch für eine Weile bei uns bleibt) mit einer Straßenbahn oder einem Bus fährt, lieber nicht hinsetzen. Sonst kommt ein Moherowy Beret und… boah, wenn ich ihr wäre, dann wär ich lieber ich. Ich leide zum Beispiel unter unkontrollierbarer Angst vor Straßenbahnen, seitdem ich vor paar Jahren von einem Moherowy Beret etwa 10 Minuten lang wörtlich vergewaltigt wurde. Also unter keinen Umständen hinsetzen. Tipp einer ehrlichen Polin.

Wenn ihr euch doch hinsetzt, kommt garantiert ein Moment, dass ihr irgendeinen Busen auf dem Gesicht habt und ich schwör´s, ist kein angenehmes Gefühl, auch wenn ich zufälligerweise Männer seid. Der Busen endet nämlich mit Moherowy Beret und gibt euch kurze Zeit (ca 2 Sekunden) damit ihr euch überlegt, ob ihr doch nicht aufstehen wollt. Wenn nicht, dann erfolgt Schimpfflut oder sogar ein Angriff mit dem Gehstock, was als Folge ein gratis Souvenir aus Polen auf eurem Gesicht haben kann. Und letztendlich musst ihr doch aufstehen, also wozu dieser ganze Widerstand?

Doch hinsetzen? Zu viel Vodka getrunken und müde? Oder krank? Letztens wurde im polnischen Internet ein Fall berühmt, wo eine männliche Version von Moherowy Beret einen jungen, im Bus sitzenden Mann schrecklich beschimpft und mit Stock angegriffen hat, worauf der junge Mann aufstand und sagte… er hat kein Bein und das Stehen fällt ihm deswegen bisschen schwer, aber wenn der andere Mann so sehr sich auf seinen Platz hinsetzen will…

Immer noch hinsetzen? Dann kommt der Spiel, indem ihr Passagiere zur vagen Kategorie der “alten Leute” zuordnen sollt. Paßt auf, das sind nicht diese weißhaarigen Opas und Omas, die so aussehen, als ob sie aus Papier gemacht wären. Die werden nur schüchtern lächeln und sich mit Verlegenheit bedanken. “Alte Leute” ist zum Beispiel diese Frau, die ihr gerade vom Straßenbahnfenster gesehen habt, wie sie munter quer durch die Straße rannte, um noch die Straßenbahn zu erreichen, und jetzt checkt bedrohlich, wo sie in überfülltem Wagen doch ihren gemütlichen Platz findet. Klar findet sie ihn, und gerade dort, wo ihr sitzt. Nicht deswegen hat sie im Alter von 50 eine Rente wegen Kopfschmerzen, dass sie jetzt auf dem Rückweg aus ihrer Datsche (działka), wo sie gerade Erdbeeren gesammelt hat, sich nicht in der Straßenbahn hinsetzen könnte. Sie wird schon alle anderen Passagiere ansprechen, sich über unerträgliche Hitze beklagen, auf ihr schwaches Herz deuten, über euren Kopf stinkende Medikamente einnehmen, schwer in eures Haar atmen, letzendlich auf euren Schoss ihren Korb und 5 siatki mit dem Seufzen “kann ich dann WENIGSTENS meine Taschen bei Ihnen abstellen” schubsen. Letzten Endes werdet ihr DOCH aufstehen. Ich sag`s.

So sieht es aus im heiligen Polen. In Deutschland hab ich dagegen nie so was beobachtet. Ich fahre immer locker und zufrieden. Hier aber bemerkt niemand ältere Leute, schwangere Frauen oder Leute mit kleinen Kindern. Sie stehen ordentlich und geben kein Wort aus sich vor. Sone Demokratie. Ich weiß nicht was schlimmer ist.

Dezember 14, 2009

russland

Einsortiert unter: wichtigtuerei — Kasia Zielińska @ 12:11 nachmittags

Immer wenn ich mich vorstelle, außer gewöhnlichen Reaktionen wie “?”, stoße ich häufig auf die hofnungsvolle Vermutung: “Russin”? Und dann die Enttäuschung, dass ich nur Polin bin, also etwas gewöhnliches, bißchen nerviges gleich um die Ecke, wo man sich höchstens billige Zigaretten holt (Słubice) statt des mächtigen, exotischen Nachbars, mit dem man bestmögliche Kontakte knüpfen soll. Ich bin schon 2 Jahre hier, und in diesen 2 Jahren hat noch niemand behauptet, ich bin Polin, oder auch Tschechin, Slowakin, Slowenierin, Ukrainerin, Weißrussin, Bulgarin, Rumänin, Serbin, Kosovianerin (?), Montenegrin (?), Kroatin… ach die Vielfalt der osteuropäischen Welt ist einfach atemberaubend. Aber die Deutschen wollen nur Russland sehen. Ich weiß ihr liebt Russland, ich liebe Russland auch, deswegen besuche ich oft diesen Vakuum-Park Sowjetisches Ehrenmal. Aber! Bevor ihr endlich in Russland landet, da sind noch wir auf dem Weg!

Dezember 13, 2009

kriegszustand

Einsortiert unter: essenz,prophetismus,wichtigtuerei — Kasia Zielińska @ 10:09 vormittags

Wie ich mich freue dass ich ausgerechnet heute nicht in Polen bin. Sonst wäre ich den ganzen Tag von verzweifelten Gesichten den Leuten, die sich jedes Jahr vor Kameras allen möchlichen polnischen TVSender blamieren, geplagt. Das Szenario ist immer gleich: die Frage, was ist in Polen am 13. Dezember passiert, und die Antwort: yyyyy. Ich weiß selbst nicht, was ich tun würde, wenn ich eine der gefragten wäre. Ob sich anpassen oder als wykształciuch – Ausgebildetussi oder einfach Klugscheißer, wie der ehemalige Vizepremierminister Ludwik Dorn im 2006 nicht bildungsferne Leute Polens genannt hat – richtig rezitieren:

an diesem Tag wurde im Jahre 1981 der Kriegszustand verkündet/ Tausende von Oppositionellen damaliger Volksrepublik wurden interniert, und die Freiheit aller anderen wurde stark begrenzt/ Der General Jaruzelski rechtfertigt das heute mit angeblicher Gefahr des Einmarsches der Roten Armee/ der Kriegszustand dauerte bis 1983/ jedes Jahr am 13.12 versammeln sich Leute vor dem Haus des Jaruzelski und protestieren laut.

Obwohl ich am 13.12.81 noch nicht existierte, ist in meinem Gehirn diese Ikone des polnischen Imaginarium eingeprägt: Jaruzelski, der Einführung des Kriegszustandes verkündet.

Die Lehre von heute: die Polen mögen ihre Wunden pflegen, und die gibt es viele. Einer – na gut, der größte polnische Dichter Adam Mickiewicz – hat mal Polen als Christus aller Nationen bezeichnet. Weil wir so viel leiden, aber damit die anderen Völker zur Erleuchtung/Glückseligkeit/ich weiß nicht mehr/ bringen. Aber das war lange her.

Dezember 12, 2009

obama

Einsortiert unter: prophetismus,transport,wichtigtuerei — Kasia Zielińska @ 8:47 nachmittags

Weil es als schick gilt und die ratings dabei authomatisch nach oben gehen, schreibe auch ich etwas über Obama, obwohl ich nicht wirklich Ahnung davon habe. Jetzt soll man Obama wegen Klimapolitik usw. kritisieren und ihn mit Skeptizismus betrachten. Na klar! Als ob die Polen das nicht schon seit einem Jahr, noch vor der Wahl, gemacht hätten. Als wahre Trendsetter waren und sind wir immer die skeptischsten in Europa, wenn es um Obama geht. Wahrschenlich liegt es an unserem Pessimismus. Oder auch Widerspenstigkeit.

Mal warten, bis uns diese Tugenden zur Hauptposition in Europa bringen. Ein gewisser George Friedman sieht Polen in den nächsten hundert Jahren als ein Imperium, dass sogar Deutschland überflügelt. Schon wollte ich Koffer packen und wieder nach Polen umziehen. Aber mit Berlin-Warszawa-Express 3mal pro Tag geht es in nur in 6 Stunden; also das hat noch Zeit, falls sich die Prophezeiungen von Herrn Friedman als richtig erweisen. Aber als echte skeptisch-pessimistische Polin würde ich auf sie einfach nur mit Schulterzucken und lautem: eeeeeee tam! reagieren.

kokos

Einsortiert unter: konsum,kulinaristik,naturwelt — Kasia Zielińska @ 7:20 nachmittags

Also…

Da ich vor über 2 Jahren vom Polen zu Deutschland gewechselt habe und manchmal (=fast immer) keine Lust habe, den Leuten um mich meine Polnischheit zu erklären, mache ich das ab jetzt in diesem Blog.

Zum Beispiel, meinen 2 deutsche Mädels aus meiner Umgebung, Polen sei ein Land des Kokos (-es?). Was kann ich dazu sagen. Wirklich hege ich und viele anderen Leute aus Republik Polen tiefe Gefühle für – allerdings nur künstliche Versionen – dieses leckere weiße Ding. Noch niemals Princessa probiert oder den deutschen Körper mit masło kokosowe von Ziaja verwöhnt? Man ist das Leben diesseits von Oder trostlos.

In Warschau gibt es sogar eine Palme im Zentrum. Polen ist wirklich ein magisches Land.

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