Oft wenn ich gerade im Berlin-Warszawa-Express sitze, sitzt dort auch eine polnische Mama mit einem polnisch-deutschen Kind (dem deutschen Papa ist Polen scheinbar egal, weil er kaum zu erblicken ist). Zum Beispiel gestern. Da gab es eine polnische Mama mit einer kleinen deutschisierten Tochter. Die unerschütterliche Polin sprach ausschließlich Polnisch, die Halbpolin antwortete ihr ausschließlich auf Deutsch. Und es ist immer so, wenn ein Kind halbdeutsch und halbpolnisch ist. Hab ich schon paar Mal beobachtet.
Dies könnte irgendjemand natürlich als schön und exotisch betrachten. Aber in mir ensteht in solchen Fällen: Panik, Erschütterung, Entzückung, Verzweiflung… was weiß ich.
Für diese Mutter von gestern war das auch voll schmerzhaft. Kaum von einer netten älteren Dame angesprochen, fing sie an, fast in Tränen, zu erzählen, wie sie von Anfang an zu der Tochter nur auf Polnisch sprach, und wie diese – als ob sie wüßte, welche Sprache die “stärkere” ist (gendermäßig, nationalitätmäßig) – ihr von Anfang an nur auf Deutsch antwortete. Für die Mutter war es so, als ob sie “jedesmal von einem Messer gestochen würde”. Obwohl ich so was (noch nicht?) erlebt habe, kann ich mir das ganz gut vorstellen. Obwohl Deutsch größtenteils zu meiner eigener Sprache geworden ist, ist es immer noch und glaube wird auch nie zu dieser einzigen eigenen Sprache – und ich kann mir nicht vorstellen, dass etwas, was aus meinem eigenen Leib kommt, nicht meine Sprache spricht.
Jedoch nach einer Weile wurde für mich auch diese Mutter lächerlich. Wie sie fast weinte und sich ohne jegliche Würde beschwerte. Wenn mir Polnisch als so was schmerzhaftes und mit Tränen überfülltes vermittelt wäre dann würde ich mich auch davor wehren. Und ich glaube für dieses Mädchen wird in der Zukunft nicht nur Polnisch, sondern auch ganz Polen zum weinenden Bettler, der um nur bißchen Aufmerksamkeit bittet.
Ich hab mir gedacht, wenn ich diese Mutter wäre, würde ich einfach so lange nicht antworten, bis das Kind zu mir auf Polnisch spricht. Da ich nicht sonderlich Kinder mag, kann ich mir solches gnadenloses Handeln ganz gut vorstellen.
Aber diese Situation hat in mir ganz trübe Gedanken erweckt. Nämlich:
- will ich mein ganzes Leben lang in Frust leben, weil meine Polnischheit immer ums Ansehen kämpfen muss?
- da ich sowieso die ganze Zeit gegen irgendwas (gegen Polen, Deutschen und die ganze Welt) kämpfen muss, hab ich noch Lust, gegen eigene Kinder, falls sie irgendwann ihre Existenz durchsetzen, kämpfen?
- will ich oben genannten Kindern das Bild Polens als was unangenehmes, erzwungenes, leidendes vermitteln? (ich hab leider keine positiven Erziehungsweisen in Berlin-Warszawa-Express oder anderswo beobachtet)?
- ginge mir in Polen besser? (nein, weil in einer Straßenbahn getötet würde)
Jetzt mal was anderes aus Deutschland. Hab mich endlich mobilisiert, um online eine Auslandsversicherung für Japanaufenthalt abzuschliessen. Hab alles richtig ausgefüllt (ein deutscher Anbieter), Auslandsort: Japan, Nationalität: Polen. Klick und nur bezahlen… aber nein, da werden alle meinen Daten gelöscht und es steht nur rot: Kombination dieses Auslandsortes und der Nationalität nicht akzeptabel! Fühlte ich mich auch so.