Das heilige Polen

Dezember 15, 2009

…erlöse uns vom Rentner

Einsortiert unter: bon ton,transport — Kasia Zielińska @ 11:55 nachmittags

Vorsicht. Falls ihr in Polen (wenn ihr auf dem Weg nach Russland doch für eine Weile bei uns bleibt) mit einer Straßenbahn oder einem Bus fährt, lieber nicht hinsetzen. Sonst kommt ein Moherowy Beret und… boah, wenn ich ihr wäre, dann wär ich lieber ich. Ich leide zum Beispiel unter unkontrollierbarer Angst vor Straßenbahnen, seitdem ich vor paar Jahren von einem Moherowy Beret etwa 10 Minuten lang wörtlich vergewaltigt wurde. Also unter keinen Umständen hinsetzen. Tipp einer ehrlichen Polin.

Wenn ihr euch doch hinsetzt, kommt garantiert ein Moment, dass ihr irgendeinen Busen auf dem Gesicht habt und ich schwör´s, ist kein angenehmes Gefühl, auch wenn ich zufälligerweise Männer seid. Der Busen endet nämlich mit Moherowy Beret und gibt euch kurze Zeit (ca 2 Sekunden) damit ihr euch überlegt, ob ihr doch nicht aufstehen wollt. Wenn nicht, dann erfolgt Schimpfflut oder sogar ein Angriff mit dem Gehstock, was als Folge ein gratis Souvenir aus Polen auf eurem Gesicht haben kann. Und letztendlich musst ihr doch aufstehen, also wozu dieser ganze Widerstand?

Doch hinsetzen? Zu viel Vodka getrunken und müde? Oder krank? Letztens wurde im polnischen Internet ein Fall berühmt, wo eine männliche Version von Moherowy Beret einen jungen, im Bus sitzenden Mann schrecklich beschimpft und mit Stock angegriffen hat, worauf der junge Mann aufstand und sagte… er hat kein Bein und das Stehen fällt ihm deswegen bisschen schwer, aber wenn der andere Mann so sehr sich auf seinen Platz hinsetzen will…

Immer noch hinsetzen? Dann kommt der Spiel, indem ihr Passagiere zur vagen Kategorie der “alten Leute” zuordnen sollt. Paßt auf, das sind nicht diese weißhaarigen Opas und Omas, die so aussehen, als ob sie aus Papier gemacht wären. Die werden nur schüchtern lächeln und sich mit Verlegenheit bedanken. “Alte Leute” ist zum Beispiel diese Frau, die ihr gerade vom Straßenbahnfenster gesehen habt, wie sie munter quer durch die Straße rannte, um noch die Straßenbahn zu erreichen, und jetzt checkt bedrohlich, wo sie in überfülltem Wagen doch ihren gemütlichen Platz findet. Klar findet sie ihn, und gerade dort, wo ihr sitzt. Nicht deswegen hat sie im Alter von 50 eine Rente wegen Kopfschmerzen, dass sie jetzt auf dem Rückweg aus ihrer Datsche (działka), wo sie gerade Erdbeeren gesammelt hat, sich nicht in der Straßenbahn hinsetzen könnte. Sie wird schon alle anderen Passagiere ansprechen, sich über unerträgliche Hitze beklagen, auf ihr schwaches Herz deuten, über euren Kopf stinkende Medikamente einnehmen, schwer in eures Haar atmen, letzendlich auf euren Schoss ihren Korb und 5 siatki mit dem Seufzen “kann ich dann WENIGSTENS meine Taschen bei Ihnen abstellen” schubsen. Letzten Endes werdet ihr DOCH aufstehen. Ich sag`s.

So sieht es aus im heiligen Polen. In Deutschland hab ich dagegen nie so was beobachtet. Ich fahre immer locker und zufrieden. Hier aber bemerkt niemand ältere Leute, schwangere Frauen oder Leute mit kleinen Kindern. Sie stehen ordentlich und geben kein Wort aus sich vor. Sone Demokratie. Ich weiß nicht was schlimmer ist.

1 Kommentar »

  1. [...] bis heute noch geblieben und die Gesellschaft zersplittert. Unter dem Kreuz läuft andauernd Party: die alten hartkatholischen Frauen (mohery) und Männer tanzen rund um den Kreuz und lassen es nicht zu, dass der Kreuz endlich in irgendeine [...]

    Pingback von heute schon den kreuz verteidigt? « Das heilige Polen — August 16, 2010 @ 9:05 nachmittags | Antwort


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